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IP-Schutzarten richtig lesen – was die Kennzeichnung aussagt und was nicht

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Die IP-Schutzart ist die am häufigsten genannte und die am häufigsten missverstandene Angabe in Datenblättern mobiler Systeme. Sie beschreibt das Ergebnis einer Baumusterprüfung unter festgelegten Bedingungen – nicht die Haltbarkeit eines Geräts im Betrieb. Drei Annahmen führen in der Beschaffung regelmäßig zu falschen Erwartungen: dass eine höhere zweite Ziffer immer mehr Schutz bedeutet, dass die Angabe dauerhaft gilt, und dass sie etwas über Explosionsschutz aussagt.

Wie die Kennzeichnung aufgebaut ist

Der IP-Code ist in DIN EN 60529 festgelegt, der deutschen Fassung der internationalen Norm IEC 60529. Die beiden Ziffern stehen für zwei voneinander unabhängige Prüfungen.

Die erste Ziffer beschreibt den Schutz gegen das Eindringen fester Fremdkörper und gegen Berührung gefährlicher Teile.

Ziffer Schutz gegen Fremdkörper
0 kein Schutz
1 Fremdkörper ab 50 mm Durchmesser
2 Fremdkörper ab 12,5 mm
3 Fremdkörper ab 2,5 mm
4 Fremdkörper ab 1 mm
5 staubgeschützt – Staub dringt ein, aber nicht in schädigender Menge
6 staubdicht – kein Staubeintritt

Tabelle seitlich scrollbar.

Der Unterschied zwischen 5 und 6 ist in der Praxis erheblicher, als er aussieht. Staubgeschützt heißt nicht staubfrei: Es darf Staub eindringen, solange er die Funktion nicht beeinträchtigt. In einer Umgebung mit leitfähigem Staub – Metallbearbeitung, Kohlestaub – ist das eine andere Aussage als in einem trockenen Technikraum.

Die zweite Ziffer beschreibt den Schutz gegen Wasser.

Ziffer Schutz gegen Wasser
0 kein Schutz
1 senkrecht fallendes Tropfwasser
2 Tropfwasser bei bis zu 15° Neigung
3 Sprühwasser bis 60° gegen die Senkrechte
4 Spritzwasser aus allen Richtungen
5 Strahlwasser aus einer Düse
6 starkes Strahlwasser aus einer größeren Düse
7 zeitweiliges Untertauchen
8 dauerndes Untertauchen unter vereinbarten Bedingungen
9 Hochdruck-Heißwasserstrahl

Tabelle seitlich scrollbar.

Der wichtigste Irrtum: die zweite Ziffer ist keine Rangfolge

Bis einschließlich 6 bauen die Prüfungen aufeinander auf. Wer Strahlwasser besteht, besteht auch Spritzwasser.

Ab `7` gilt das nicht mehr. Eine Angabe von IP67 bedeutet nicht, dass das Gerät auch IP66 erfüllt. Die Prüfungen sind unterschiedlich: Untertauchen prüft gegen statischen Wasserdruck, Strahlwasser gegen dynamischen Druck aus einer Richtung. Eine Gehäusekonstruktion kann das eine bestehen und das andere nicht.

Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern eine Konstruktionsfrage: statischer und gerichteter Druck belasten Dichtungen unterschiedlich.

Wo beides gefordert ist, muss der Hersteller doppelt kennzeichnen – etwa IP66/IP67. Eine einzelne Angabe deckt nur die genannte Prüfung ab.

Für die Beschaffung hat das eine konkrete Folge: Wenn ein System nach dem Einsatz mit einem Hochdruckreiniger abgespritzt werden soll, ist IP67 allein kein ausreichender Nachweis.

Was die Prüfung tatsächlich prüft

Die Prüfbedingungen sind festgelegt, und sie unterscheiden sich von realen Bedingungen.

Geprüft wird mit sauberem Süßwasser. Salzwasser, Reinigungsmittel und chemisch belastete Flüssigkeiten sind nicht Gegenstand der Prüfung.

Die Prüfung auf zeitweiliges Untertauchen dauert 30 Minuten. Die Temperatur des Wassers darf nur wenig unter der des Prüflings liegen. Der Grund ist physikalisch: Ein warmes Gerät, das in kaltes Wasser gerät, zieht durch die Abkühlung der Innenluft Wasser aktiv an. Genau diese Konstellation – betriebswarmes Gerät, kalter Regen – ist im Betrieb der Normalfall und in der Prüfung ausgeschlossen.

Die Norm kennt außerdem zwei Zusatzbuchstaben für die Prüfung gegen Wasser, die in Datenblättern fast nie auftauchen: M für eine Prüfung bei laufenden beweglichen Teilen, S für eine Prüfung im Stillstand. Für ein System mit bewegten Gelenken ist das ein wesentlicher Unterschied – eine Wellendichtung verhält sich in Bewegung anders als in Ruhe. Fehlt die Angabe, ist nicht erkennbar, in welchem Zustand geprüft wurde.

`IP68` ohne Bedingung ist keine Angabe. Die Norm legt für die Ziffer 8 weder Tiefe noch Dauer fest; beides wird zwischen Hersteller und Anwender vereinbart. Eine Datenblattzeile, die nur IP68 nennt, lässt offen, worauf sie sich bezieht. Die Frage danach gehört in jede technische Klärung.

Was die IP-Schutzart nicht abdeckt

Die Kennzeichnung beschreibt zwei Eigenschaften. Alles andere braucht einen eigenen Nachweis.

  • Mechanische Stoßfestigkeit. Dafür gibt es den IK-Code nach DIN EN 62262, der die Stoßenergie in Joule abbildet. Er wird getrennt angegeben und fehlt bei mobilen Systemen meist ganz.
  • Korrosion. Salzhaltige Luft, Streusalz und Abwasseratmosphäre greifen Gehäuse, Schrauben und Steckverbinder an, ohne dass Wasser eindringt. Nachgewiesen wird das über Salzsprühnebelprüfungen, nicht über den IP-Code.
  • Chemische Beständigkeit. Reinigungsmittel, Öle und Lösungsmittel wirken auf Dichtungswerkstoffe ein. Eine Dichtung, die quillt, verliert ihre Funktion, ohne dass es von außen sichtbar wäre.
  • Kondensation. Ein staubdichtes Gehäuse kann über Temperaturwechsel Feuchtigkeit im Inneren ansammeln. Das ist ein bekannter Effekt und der Grund für Druckausgleichselemente – die ihrerseits die Wasserprüfung beeinflussen.
  • UV-Beständigkeit von Kunststoffteilen und Kabelmänteln im Dauerbetrieb im Freien.
  • Explosionsschutz. Siehe Explosionsschutz und mobile Robotik – Zonen erkennen, Grenzen bestimmen.

Was das für mobile Systeme bedeutet

Bei einem fest installierten Schaltschrank ist die IP-Angabe eine weitgehend stabile Eigenschaft. Bei einem System, das bewegt, geöffnet und umgerüstet wird, ist sie an Bedingungen geknüpft.

Die Schutzart gilt für das Gesamtsystem in einem definierten Zustand. Nutzlastschnittstellen sind in der Regel nur mit aufgesetztem Deckel oder angeschlossener Nutzlast dicht. Ein offener Anschluss ist eine Öffnung im Gehäuse. Wer eine Kamera oder Sensorik eines Drittanbieters anbaut, verlagert die Dichtheit an diese Schnittstelle – und damit die Verantwortung dafür.

Wechselbare Komponenten sind eigene Prüfobjekte. Ein im Feld wechselbarer Akku bedeutet eine Trennstelle mit Kontakten. Deren Schutzart im geöffneten Zustand, während des Wechsels und bei verschmutzten Kontaktflächen ist eine eigene Frage.

Peripherie trägt oft eine niedrigere Schutzart als das Gerät selbst. Ladestationen, Datenschnittstellen und Steuergeräte sind häufig für Innenaufstellung oder geschützte Außenaufstellung ausgelegt, auch wenn das Gerät selbst für den Freilandbetrieb spezifiziert ist. Für die Standortplanung ist die niedrigste Schutzart im System die maßgebliche – nicht die höchste.

Die Angabe altert. Nach einer Reparatur, einem Sturz oder dem Austausch eines Gehäuseteils gilt sie nur, wenn der Hersteller oder ein autorisierter Betrieb den Zustand wiederhergestellt und bestätigt hat. Ob und in welchem Abstand eine Dichtheitsprüfung vorgesehen ist, steht in der Betriebsanleitung – und ist ein sinnvoller Punkt im Wartungsvertrag.

Prüfpunkte zur Schutzart

  • Vollständige Angabe einschließlich beider Ziffern, nicht nur „IP67"
  • Bei Reinigung mit Strahlwasser: gesonderte Angabe für die zweite Ziffer 5, 6 oder 9
  • Bei IP68: vereinbarte Tiefe und Dauer schriftlich
  • Zustand der Prüfung: in Bewegung oder im Stillstand
  • Schutzart der Nutzlastschnittstelle im offenen und im belegten Zustand
  • Schutzart von Ladestation, Steuergerät und weiterer Peripherie
  • Nachweis für Korrosionsbeständigkeit, sofern die Umgebung es erfordert
  • Vorgaben zur Dichtheitsprüfung nach Reparatur oder Sturz
  • Zuständigkeit für die Wiederherstellung der Schutzart nach einem Eingriff

Diese Prüfliste wird als Download angeboten, sobald die Vorlage vorliegt.

Welche Schutzart ein einzelnes Modell trägt und mit welcher Quelle sie belegt ist, steht in der Roboterdatenbank. Die Einordnung in die Gesamtbewertung eines Systems behandelt Inspektionsroboter – Leitfaden für Betreiber.

Quellen

  1. DIN EN 60529 – Schutzarten durch Gehäuse (IP-Code) DIN Deutsches Institut für Normung / VDE abgerufen 16.10.2026
  2. IEC 60529 – Degrees of protection provided by enclosures (IP Code) International Electrotechnical Commission abgerufen 16.10.2026
  3. DIN EN 62262 – Schutzgrade gegen äußere mechanische Beanspruchungen (IK-Code) DIN Deutsches Institut für Normung / VDE abgerufen 16.10.2026
  4. ISO 20653 – Straßenfahrzeuge, Schutzarten (IP-Code) International Organization for Standardization abgerufen 16.10.2026

Änderungsprotokoll (1)

  • 16.10.2026 Erstveröffentlichung Erstveröffentlichung.

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